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  • Monika Lehn

Unter Segeln in den Lockdown

Aktualisiert: Okt 1

Neujahr 2020 habe ich auf dem Atlantik erlebt. Von Lanzarote aus sind wir vor Jahresende nach Madeira gesegelt und haben wunderschöne Tage im Naturpark im Nordosten der Insel verbracht. Ein bevorstehender Wetterwechsel hat das Ablegen Richtung Kanaren schon am Silvestermorgen nötig gemacht, und uns, statt dem Feuerwerk vor Funchal, einen wunderbaren Sonnenaufgang und beschaulichen Jahresbeginn auf dem Meer beschert.

Es folgen schöne, unbeschwerte, teilweise windige Segelwochen um die Kanareninseln Gran Canaria, Teneriffa, La Gomera und La Palma. Dass wieder mal ein neues Virus aus China unterwegs ist, ist eher mal ein Nebenthema bei den Stegnachbarn, und wenn, dann geht es eher um die potentiell schwankenden Aktienkurse. Ein Highlight unserer vielen schönen Landgänge ist ein Besuch beim schillernd-bunten, lebensfrohen Straßenkarneval in Santa Cruz de Tenerife, meine letzte Großveranstaltung für lange Zeit. In Santa Cruz ist Corona zumindest bei den Kostümen bereits präsent!

Im März 2020 geht dann alles gefühlt Schlag auf Schlag. Mit kleiner Crew segele ich von Teneriffa nach Gran Canaria, und ein verstopfter Dieselfilter lässt noch kurz vor der Hafeneinfahrt von Las Palmas den Motor mangels Kraftstoffzufuhr absterben.

Die Hauptstadt von Gran Canaria empfängt uns an diesem Donnerstag, den 12.3., mit merkwürdig verhaltener Stimmung, leeren Straßen und Stränden. Kreuzfahrtschiffe liegen unbesetzt vor der Stadt auf Reede.

Dem schenke ich erst mal wenig Beachtung. Vordringlich ist für mich am Freitag, die Ursache für das Motorproblem zu klären - ich habe wohl auf Teneriffa verschmutzten Kraftstoff getankt. Zum Glück kann ich noch ausreichend Ersatzfilter besorgen, um den Motor einigermaßen einsatzklar zu halten. Denn in Las Palmas steht Crewwechsel für die Weiterfahrt nach Lanzarote an, wo die Kanaren Wintersaison enden soll.

Am Samstag, den 14.3., meinem Crewwechseltag, verhängt Spanien den landesweiten Alarmzustand und ein weitgehendes Ausgehverbot. Für meine Überfahrt von Gran Canaria nach Lanzarote beginnt ein gefühlter Krimi. Aufgrund stornierter Flüge und drohender Reisewarnung treffen nur drei von sechs erwarteten Crewmitgliedern ein, zwei davon sind vorher bereits auf Gran Canaria. Das Hafenbüro von Las Palmas bestätigt mit sofortiger Wirkung die Schließung aller staatlichen Marinas und Häfen auf den Kanaren. Die privat geführte Marina Rubicon auf Lanzarote gibt mir schließlich telefonisch die Zusage uns noch aufzunehmen, aber nur, wenn wir noch am am Samstag starten und nonstop fahren. Denn die komplette Schließung aller Häfen wird zeitnah erwartet.

Vom Flughafen geht es dehalb mit der neuen Crew direkt in den Supermarkt, zum Verproviantieren für die komplette kommende Woche. Auch hier teilweise leere Regale, der Engpass ist allerdings statt Toilettenpapier eher der Paella-Reis. Danach noch ein schneller Snack in der sonst so gemütlichen Sailor`s Bar, und dann geht es schon hinaus auf See.


Kein gemütlicher erster Abend in der Tapas Bar, kein Einsegeln am Sonntag Morgen. Statt dessen verlassen wir am Samstag Nachmittag als einzige den sicheren Hafen von Las Palmas, herzlichst verabschiedet mit guten Wünschen der versamelten Stegnachbarn, und mit der Bitte uns zu melden, wenn wir sicher angekommen sind. Ich komme mir vor wie auf Expedition im Krisengebiet.

Die Segelreise von Gran Canaria entlang Fuerteventura bis nach Lanzarote ist fast immer auch eine Fahrt gegen die vorherrschenden Nordostwinde. In den sogenannten Düsen zwischen den Inseln, für uns insbesondere zwischen Gran Canaria und Fuerteventura, legen Wind und Seegang noch mal ordentlich zu. Gut, dass meine Crew recht seefest und belastbar ist, wir können die Wachen aufteilen und kommen gut voran.


Am 16.3. gegen Mittag erreichen wir die Marina Rubicon im Süden Lanzarotes. Die sonst so belebte Marina wirkt wie eine Geisterstadt. Eigentlich möchten wir noch weiter nach Arrecife, doch zuerst muss unser Diesel gefiltert werden.

Zwei Tage nach unserer Ankunft auf Lanzarote werden dann auch die privaten Marinas komplett geschlossen, wir kommen nicht mehr weg. Es ist sogar verboten, tagsüber segeln zu gehen und abends wieder an den Liegeplatz zurückzukehren. Die Ausgangssperre gilt Tag und Nacht, und wird von der Guardia Civil streng kontrolliert. Wir dürfen nicht mal hinaus auf die Hafenmole spazieren gehen, obwohl unserer Yacht einsam am letzten Steg in der Marina liegt. Einzige Ausnahme ist der Gang zum Sanitärgebäude oder zum Supermarkt (nur einzeln), so dass wir wechselweise mit einem Waschbeutel oder einer Einkaufstasche als Alibi die Yacht verlassen.

Außer uns ist kaum mehr jemand in der Marina. Unsere regulären Flüge sind gestrichen, wir versuchen, Ersatzflüge nach Deutschland zu organisieren. Unklar ist, wie wir zum Flughafen kommen, ob überhaupt Taxis fahren. Das Marinapersonal ist sehr freundlich und bemüht, und organisiert schließlich den Transfer zum Flughafen. Ein Gast pro Taxi, Gepäck laden wir selber ein, der Fahrer steigt nicht aus. Spooky. Angespannte Stimmung auch am Flughafen. Mein neuer Flug, einer der letzten regulären, geht am 22.3.2020 mit Zwischenstopp über München nach Düsseldorf.

Ob die Flieger dann tatsächlich abheben werden, und wer wirklich mit darf, ist bis zum letzten Moment unklar. Irgendwie ist es mir gelungen, mein Gepäck für die letzten Monate auf Handgepäck Größe zu dezimieren, das ist günstiger fürs Umsteigen. Da der Anschlussflug nicht bestätigt ist, wollen sie mich in Arrecife auch nicht in den Flieger nach München lassen. Außer mir geht es auch anderen so, kleine Meuterei am Flughafen, dann kommen wir doch mit. Und schließlich fliegt mich sogar die Lufthansa noch von München ins Rheinland.


Tschüss Lanzarote - Hallo Deutschland....




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